KOMET AREND-ROLAND (C/1956 R1)

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GESCHICHTE DES KOMETEN

"Comet Arend-Roland 1956h had received much advanced publicity and was eagerly awaited by the general public as well as by scientist ..." (Brahde & Brekke 1957)

Am 08.11.1956 wurden am Uccle Observatory in Belgien Fotoplatten belichtet, auf denen bei der etwa eine Woche später erfolgten Auswertung durch Sylvain Arend und Georges Roland ein lichtschwacher Komet gefunden wurde. Die Entdeckung wurde am 20.11.56 durch weitere Aufnahmen am gleichen Observatorium bestätigt und an die zuständige Zentralstelle der Internationalen Astronomischen Union in Kopenhagen gemeldet. Die Helligkeit des neuen Kometen betrug zu dieser Zeit etwa 12.0 mag. Bereits am 27.11.1956 konnte Max Beyer in Hamburg einen Schweif nachweisen. Die frühzeitige gute Entwicklung des Objekts sowie dessen durch Michael P. Candy berechnete Bahn ließen eine helle Kometenerscheinung im kommenden Frühjahr erwarten. Somit war ausreichend Zeit zur Planung wissenschaftlicher Beobachtungen gegeben.
Komet Arend-Roland entwickelte sich "planmäßig"; am Jahresende 1956 hatte er etwa 10 mag erreicht, 5 Wochen später 9 mag. Die Verlangsamung des Helligkeitsanstiegs lag daran, dass sich die Erde bis Anfang Februar vom Schweifstern entfernte. Ende Februar wurden 7.5 mag gemessen, bevor Arend-Roland sich der Beobachtung zunächst entzog. Am 20.03.1957 kam er zum ersten Mal in Konjunktion zur Sonne, wobei der scheinbare Abstand 14 Bogengrade betrug. Am 02.04.1957 wurde der Schweifstern mit einer Helligkeit von etwa 2 mag in Neuseeland wiedergefunden. Vermutlich war er der erste Komet, welcher in der Antarktis wissenschaftlich beobachtet wurde, denn dort hielten sich anlässlich des internationalen geophysikalischen Jahres mehrere Expeditionen auf. An verschiedenen Orten der Südhalbkugel wurde Arend-Roland vor allem im Zeitraum 08. - 14.04.57 gesehen, bevor er mit einer Helligkeit von etwa -0.5 mag erneut in den Strahlen der Sonne verschwand. Am 16.04.57 fand in nur 5 Grad Abstand die zweite Konjunktion mit unserem Zentralgestirn statt, am 20.04.57 erreichte Arend-Roland mit 0.57 AE seinen geringsten Abstand zur Erde. Am gleichen Tag wurde er in England und Schweden erstmals wieder beobachtet. Der Komet wanderte jetzt steil nach Norden. Konnte er am 21.04.57 nur in der Abend- und Morgendämmerung gesichtet werden, so war er bereits in der Nacht vom 23. auf den 24.04.57 zirkumpolar. Insbesondere in Großbritannien herschten in der letzten Aprildekade ungewöhnlich gute Wetterbedingungen, sodass Arend-Roland durchgehend beobachtet werden konnte; zudem war am 29. April Neumond. Die Helligkeit sank von 1.5 mag am 22. auf 2.7 mag am 30. April. Die größte Schweiflänge wurde mit 30 Grad am 26. verzeichnet. Doch das Ungewöhnliche an diesem Kometen war sein ausgeprägter Gegenschweif, welcher vom 22. bis 29.04.57 sichtbar war, als die Erde nahe der Bahnebene von Arend-Roland stand und sie am 25. April kreuzte. An diesem Tag erreichte der nadelspitze Gegenschweif die erstaunliche Länge von 15 Grad.

Komet Arend-Roland mit Gegenschweif
Komet Arend-Roland mit Gegenschweif. Bildnachweis: David Darling

Im Mai entfernte sich Arend-Roland rasch sowohl von der Sonne als auch von der Erde. Die Helligkeit sank im Laufe des Monats von etwa 3 mag auf rund 7 mag, die Schweiflänge reduzierte sich von 7 auf 3 Grad. Zudem störte zur Monatsmitte hin der Mond die Beobachtung immer mehr; lediglich während der Totalen Mondfinsternis am 13.05.57 herrschten noch einmal gute Bedingungen. Der letzte Nachweis mit bloßem Auge datiert vom 24.05.1957. Teleskopisch konnte der Komet noch fast ein Jahr, bis zum 11.04.1958, verfolgt werden, als er einen Sonnenabstand von 5.36 AE erreicht hatte.

Da man endlich den seit Jahrzehnten ersehnten hellen Kometen am Nordhimmel hatte, wurde zu seiner Beobachtung jede verfügbare Technik eingesetzt. Vom belgischen Oostende startete sogar ein Flugzeug, um Beobachtungen des Schweifsterns aus 3500m Höhe durchzuführen (De Thier 1957). Mehrfach wurde versucht, Radiostrahlung von Arend-Roland zu erfassen. Diese Unterfangen schlugen fehl oder brachten keine eindeutigen Ergebnisse; erst 16 Jahre später gelang dies bei Komet Kohoutek (C/1973 E1). Allerdings berichtet Richter (1958), dass mehrere Forschergruppen Strahlung von Arend-Roland bei den Wellenlängen 11m, 0.5m und 0.21m empfangen hätten. Spektralanalysen zeigten ein kontinuierliches Spektrum sowie ungewöhnlich kräftige Emissionslinien des Natriums, wodurch der visuelle Eindruck eines extrem staubreicher Komet belegt wurde. Dazu passt auch die Beobachtung ausgeprägter "Envelopen" in der Koma, ähnlich wie bei den Kometen Donati (1858 L1) und Coggia (1874 H1). Besonderes Interesse fand der extrem ausgeprägte Gegenschweif von Arend-Roland. Als Ursache für diese Struktur wurden sowohl Dust Trails als auch die perspektivische Verzerrung eines normalen, aber weit aufgefächerten Staubschweifs diskutiert. Prinzipiell ist beides möglich, doch scheint es sich bei C/1956 R1 eher um Dust Trails gehandelt zu haben. Wie in den 1950er-Jahren üblich wurde auch bei Arend-Roland (vergeblich) nach einer eindeutigen Korrelation zwischen Sonnenaktivität und Helligkeitsfluktuationen des Kometen gesucht.
Da C/1956 R1 solange beobachtet wurde - Positionsbestimmungen erfolgten an 520 Tagen - konnte seine Bahn außerordentlich präzise bestimmt werden. Es besteht daher kein Zweifel, dass er sich zumindest nach seiner Sonnenpassage auf einer Hyperbel bewegte. Es wurde diskutiert, ob er ein einmaliger Besucher aus dem interstellaren Raum war. Allerdings tendierte Sekanina (1968) zu der Ansicht, dass C/1956 R1 aus der Oortschen Wolke kam und durch starke nicht-gravitative Kräfte während seines Besuchs im inneren Sonnensystem von einer Ellipsenbahn auf eine Hyperbel angehoben wurde. Die enorme Staubproduktion des Kometen ist ein starker Beleg für das Wirken solcher Kräfte.
Als 1995 die moderne Kometen-Nomenklatur eingeführt wurde, erhielten alle früheren Schweifsterne ebenfalls neue Bezeichnungen. Im Fall von Arend-Roland kam es dabei zu einem Irrtum, denn nach dem Entdeckungsdatum müsste er als C/1956 V1 geführt werden. Stattdessen erhielt er das Label C/1956 R1. Als der Irrtum - offenbar erst nach mehreren Jahren - bemerkt wurde, verzichtete man auf eine Korrektur, um weitere Verwirruung zu vermeiden, denn Arend-Roland hatte inzwischen als C/1956 R1 bereits in zahlreiche Publikationen Eingang gefunden.

Unter den zahlreichen "Großen Kometen" des 20. Jahrhunderts war Arend-Roland bei weitem nicht der hellste oder eindrucksvollste. Doch hinsichtlich seiner Popularität in der breiten Öffentlichkeit wurde er nur von Halley, Kohoutek und Hale-Bopp geschlagen. Dazu trug vor allem bei, dass er neben den 3 genannten der einzige helle Komet des 20. Jh. war, der lange vor Erreichen der Freiäugigkeit entdeckt worden war. Hinzu kam, dass er unter optimalen Bedingungen am Abendhimmel sichtbar war. Das sicherte ihm vor allem in Großbritannien - wo dann auch (s.o.) das Wetter mitspielte - große Aufmerksamkeit. Er war das Thema der ersten Ausgabe des legendären BBC-Programms The Sky at Night, welche am 24.04.1957 ausgestrahlt wurde. In Deutschland widmete ihm u.a. DIE ZEIT einen längeren Artikel, in dem der damalige Stand der Kometenforschung sowie einige aus heutiger Sicht obsolete Hypothesen vorgestellt wurden. Besondere Aufmerksamkeit fand der Schweifstern auch im Entdeckungsland Belgien, wo nicht nur zahllose Zeitungsartikel erschienen, sondern auch eine Briefmarke mit Kometenmotiv erschien (Roland 1985). Neben der legendären Sonnenfinsternis vom 30.06.1954 und dem Start des Sputnik am 04.10.1957 war Komet Arend-Roland für die breite Bevölkerung sicherlich das bedeutendste astronomische Ereignis der 1950er-Jahre. In amateurastronomischen Kreisen ist er vor allem wegen seines ausgeprägten Gegenschweifs, dessen Fotos in zahllosen Astronomiebüchern zu finden sind, bis heute ein Begriff.
Wenig bekannt sein dürfte, dass der Schweizer Schriftsteller Max Frisch dem Kometen ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Arend-Roland spielt eine Rolle in seinem 1957 erschienenen Roman Homo Faber. Während der ersten Begegnung der Titelfigur Walter Faber mit Sabeth, welche Ende April 1957 auf der Überfahrt von New York nach Europa stattfindet, steht er hell am Nordhimmel. Später wird erwähnt, dass der Komet, dessen Name übrigens nicht genannt wird, am 27.05.1957 - dem Tag von Sabeths Unfalltod - nicht mehr zu sehen sei. Arend-Roland muss spät Eingang in das Werk gefunden haben, denn der Autor hatte das Manuskript bereits 1956 weitgehend abgeschlossen und im Februar 1957 beim Verlag eingereicht. Im April zog er es jedoch zurück und lieferte im Juni eine überarbeitete Version ab. In dieser späten Bearbeitungsphase stand Arend-Roland am Himmel und hinterließ offenbar auch bei Max Frisch einen starken Eindruck. Weitaus wichtiger für die Handlung ist aber die oben bereits erwähnte Mondfinsternis vom 13.05.1957, unter deren Eindruck Faber mit Sabeth, die sich als seine Tochter entpuppt, ein Verhältnis beginnt.

Steckbrief des Kometen Arend-Roland
Entdeckung: 08.11.1956
Perihel: 08.04.1957, 0.32 AE
Erdnähe: 20.04.1957, 0.57 AE
Neigung der Bahn zur Erdbahn: 120 Grad
Umlaufszeit um die Sonne: hyperbolisch
Mit bloßem Auge sichtbar: 06.04. - 24.05.1957
Max. Helligkeit: -0.5 mag
Max. Schweiflänge: 30 Grad

Bahn des Kometen Arend-Roland durch das innere Sonnensystem
Bahn des Kometen Arend-Roland durch das innere Sonnensystem. Eingezeichnet ist seine Position am 20.04.1957, als er seine größte Erdnähe erreichte und erstmals nach seiner zweiten Konjunktion mit der Sonne auf der Nordhalbkugel beobachtet wurde. Anschließend wanderte er steil nach Norden (links oben in der Grafik) und wurde zirkumpolar.

FOTOS DES KOMETEN

Google Bildersuche: "Arend-Roland"

Komet Arend-Roland
Komet Arend-Roland, undatiertes Foto. Bildnachweis: Public Domain

Gary W. Kronk: C/1956 R1 (Arend-Roland)

Wikipedia: Comet Arend-Roland

LITERATUR

Beyer, Max (1959): Physische Beobachtungen von Kometen. XI. Astronomische Nachrichten 284, 241-262.

Brahde, Rolf & Brekke, Kjell (1957): On the secondary tail of comet Arend-Roland 1956h. Astrophysica Norwegica 6 (3), 27-33.

De Thier (1957): Observation de la comete Arend-Roland (1956h). Ciel et Terre 73, 228-229.

Du Mont, Bernhard (2000): Max Frisch und der Komet Arend-Roland. Sterne und Weltraum 10/2000, 822-823.

Finson, Michael L. & Probstein, Ronald F. (1968): A theory of dust comets. II. Results for Comet Arend-Roland. Astrophysical Journal 154, 353-380.

Hendrie, Michael J. (1996): The two bright comets of 1957. Journal of the British Astronomical Association 106 (6), 315-330.

Hoffmeister, Cuno (1958): Bildbericht vom Kometen 1956 h (Arend-Roland). Die Sterne 34 (11/12), 208-214.

Larsson-Leander, Gunnar (1959): Physical observations of Comet Arend-Roland (1956 h). Arkiv för Astronomi 2 (23), 259-270.

Nitschmann, Leo (1957): "Arend-Roland" nähert sich. DIE ZEIT 14/1957 vom 04.04.1957, 24-25.

Öpik, Ernst (1958): The Spectrum and Luminosity of Comet Arend-Roland (1956 h). Irish Astronomical Journal 5, 77-78.

Porter, J.G. (1957): Comet Arend-Roland, 1956h - A General Report. The Observatory 77, 128-132.

Richter, N. (1958): Das Pysikalische Bild des Kometen Arend-Roland (1956 h). Die Sterne 34 (11/12), 215-227.

Roland, Georges (1985): Les cinq comètes Belges. Ciel et Terre 101, 123-128.

Sekanina, Z. (1968): A dynamic investigation of Comet Arend-Roland (1957 III). Bulletin of the Astronomical Institute of Czechoslovakia 19, 343-350.